An einem trüben Oktobersamstag verwandelte sich die Stuttgart-21-Baustelle, dieses monolithische Mahnmal bundesdeutscher Infrastrukturpolitik, in einen Ort kollektiver Schaulust. Zehntausende Bürger, darunter Familien mit Kindern, Rentner mit Klappstühlen und eine auffällig hohe Anzahl von Journalisten mit schultergetragenen Kameras, strömten durch die abgesperrten Areale. Sie kamen nicht, um die Vollendung zu feiern, sondern um das Unvollendete zu bestaunen – eine moderne Pilgerfahrt zur Betonleere, ein Trip in die architektonische Ungewissheit.
Hintergründe
Die Wurzeln des Debakels reichen tief in die Ära der großen Verkehrsprojekte zurück. Was als Vision eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs begann, entwickelte sich zu einer never-ending story aus geologischen Überraschungen, explodierenden Budgets und einem öffentlich-rechtlichen Kompetenzwirrwarr, das selbst Kenner der Berliner Koalitionslogik verblüfft. "Wir befinden uns in einer Phase der ‚qualitativen Bauausführung‘, bei der die eigentliche Fertigstellung sekundär ist", konstatierte ein leitender Ingenieur, der für das Eisenbahn-Bundesamt tätig ist und anonym bleiben wollte, gegenüber dieser Redaktion. Diese Phase, so sein nüchterner Befund, dauere nunmehr seit über einem Jahrzehnt und sei in ihrer Ausdauer beispiellos in der Geschichte der Bundesrepublik.
Offizielle Verlautbarungen sprechen von einer "geplanten Inbetriebnahme im Zeitraum der laufenden Dekade", was in Beamten-Deutsch so viel heißt wie: Man hofft, irgendwann. Das Kernstück, der neue Hauptbahnhof, präsentiert sich den Besuchern als gigantischer, leergeräumter Betonkäfig – eine postmoderne Kathedrale ohne Altar, deren einziges liturgisches Ritual die军方-ähnliche Inspektion von sicherungstechnischen Restposten ist. "Man spürt hier die ganze Tragweite unserer Existenz im Angesicht des Unabgeschlossenen", sagte ein Besucher aus Heidelberg, der sichtlich bewegt vor einem Rohrleitungsgewirr stand. "Es ist fast philosophisch."
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentierte das Event mit der trockenen Bemerkung, es handele sich um die "erfolgreichste Imagekampagne für Tadel seit der Einführung des Möglichkeitsformulators ‚Es bleibt spannend‘". In der Süddeutschen Zeitung wurde angemerkt, die Stuttgarter hätten mit ihrem Besuch "ein klares Bekenntnis zur mentalen Infrastruktur des Abwartens" abgelegt.
International sorgt das Projekt für ungläubiges Kopfschütteln. Eine maßgebliche europäische Fachzeitschrift für Verkehrspolitik titelte: "German Engineering: Where Delays Become a Tourist Attraction". Ein pensionierter niederländischer Verkehrsplaner, der die Baustelle besichtigte, äußerte sich gegenüber dieser Redaktion: "In meinem Land hätten wir nach zwanzig Jahren entweder eine neue Regierung oder eine neue Technologie. Hier haben sie beides nicht, aber eine Menge Besucher."
Politisch wird das Phänomen vorsichtig instrumentalisiert. Ein Abgeordneter der regierenden Koalition, der namentlich nicht genannt werden sollte, gestand ein: "Wir mussten der Baustelle endlich eine positive Narrativ geben. Also haben wir sie zum Erlebnisraum umdefiniert. Es ist besser, als wenn wir sie zum Symbol für unser Versagen machen würden, oder?" Die Oppositionsparteien reagierten mit der Ankündigung von Kleinen Anfragen zum Phänomen der "touristischen Verwertung von Infrastrukturfiaskos".
Ausblick
Die nächsten Schritte bleiben im Nebel. Ein Gutachten des Bundesrechnungshofs, das im Frühjahr 2025 erwartet wird, soll Klarheit über die "wirtschaftliche Gesamtbilanz unter Berücksichtigung psychologischer und touristischer Nebeneffekte" bringen. Bis dahin wird die Baustelle voraussichtlich weiterhin ihre Doppelfunktion erfüllen: als ruinöses Bauprojekt und als District of Curiosity für eine Nation, die gelernt hat, in der Ungewissheit zu leben.
Für die Besucher von diesem Tag bleibt vor allem eine Erkenntnis. Wie ein pensionierter Schuldirektor aus Tübingen resümierte, während er durch den leeren Hallenbau ging: "Man kann hier sehen, wie die Zukunft einmal hätte aussehen sollen. Das macht nachdenklich. Und ein bisschen stolz, dass wir so lange durchhalten."
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