Berlin in einer Ära der postpolitischen Pädagogik. Während das Bruttoinlandsprodukt schrumpft und die Industrieproduktion einbricht, hat sich das Kabinett einer Methode verschrieben, die ursprünglich für die Optimierung von Startup-Kick-offs und Non-Profit-Strategieretreats entwickelt wurde: der allumfassende, ergebnisoffene Workshop. Das Land steckt in der tiefsten Wirtschaftskrise seit der Eurokrise, und die Antwort der Regierung ist ein Continuous-Improvement-Format, das weniger an Regieren als an ein sehr langes, sehr teures Kindergeburtstagsspiel erinnert, bei dem am Schluss niemand den Kuchen bezahlt hat.

Hintergründe

Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in einer interpretierbaren Lektüre moderner Managementlehren. "Wir haben verstanden, dass Komplexität nicht durch traditionelleYesterday-Once-More-Politik gelöst wird, sondern durch das kollektive Erzeugen von gemeinsamen Mental-Models", erklärte eine hochrangige Beraterin aus dem Kanzleramt, die anonym bleiben wollte, in einer nicht öffentlichen Strategieklausur. Intern wird von der "Workshop-Wirtschaft" gesprochen. Kernprozesse sind das "Clustern von Handlungsoptionen" (ohne Selektion), das "Fühlen in den Raum" (eine Art meditativer Stimmungsabfrage) und die "aktive Vertagung" (die als "strategische Atempause" umdefiniert wurde).

Ein Mitarbeiter des Finanzministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion den Paradigmenwechsel: "Wir haben eine 18-monatige 'Zukunftswerkstatt Wachstum' angestoßen. Bisher haben wir drei Design-Thinking-Sprints, zwei World-Café-Sessions und ein BarCamp zum Thema 'Subventionslogik' absolviert. Der einzige greifbare Output ist eine 127-seitige Bildsprache-Dokumentation und die Erkenntnis, dass 'Vertrauen' ein zentraler Hebel sei. Die Rezession hingegen wächst weiter, und zwar nicht nur metaphorisch."

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Die Opposition spricht von "Verweigerung durch Verworkshoppen". "Die Regierung hat die Diagnose gestellt – die Krankheit ist die politische Handlungsunfähigkeit – und verschreibt sich nun selbst eine unendliche Therapiesitzung", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der größten Oppositionspartei. In den Geschäftsräumen des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) herrsche "ungläubiges Kopfschütteln". "Wir fragen uns, ob in Berlin noch jemand versteht, was ein Produktionsauftrag ist", so ein BDI-Funktionär.

Internationale Beobachter reagieren mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und mühsam unterdrücktem Spott. Ein Diplomat einer südeuropäischen Botschaft, der ebenfalls anonym bleiben wollte, kommentierte: "Wir kennen das Muster aus Brüssel: wenn man nichts tun will, setzt man eine Arbeitsgruppe ein. Berlin hat es perfektioniert, das ganze Land in eine dauerhafte Arbeitsgruppe zu verwandeln. Es ist eine brillante Leistung der institutionellen Selbstentmachtung." In Washington und Paris beobachte man "mit Sorge, wie Deutschlands wichtigste politische Ressource – seine historische Effizienz – in einer Wolke aus Post-its und Annahmen erstickt".

Ausblick

Der nächste große Meilenstein im Regierungs-Workshop-Zyklus ist die "Großgruppe-Dialogen-Konferenz zur Neujustierung der gesamtstaatlichen Resilienzarchitektur" im November. Unterstützt durch externe "Facilitatoren" und mit einem Budget im oberen siebenstelligen Bereich, soll dort über "neue Narrativa für das deutsche Wirtschaftswunder" diskutiert werden. Ein Durchbruch mit konkreten Maßnahmen wird nicht erwartet; das Format sei "explorativ" und "lösungsneutral", wie es in der Einladung heißt. Bis dahin gilt die interne Devise: "Nicht handeln, sondern halten. Nicht entscheiden, sondern debriefen. Nicht investieren, sondern inventory nehmen."

Währenddessen sinkt die Exportzuversicht auf Rekordtiefs. Die Rezession, dieses unbequeme und unworkshoppfähige Phänomen, scheint sich von der politischen Klasse abzuwenden – und das Land mit ihr. Die größte Gefahr für Deutschland ist mittlerweile nicht mehr die Krise selbst, sondern die überzeugte, professionelle und mit modernster Präsentationssoftware ausgestattete Weigerung, sie als solche zu benennen und zu bekämpfen. Man könnte sagen: Deutschland ist im Workshop-Wunderland angekommen. Nur dass hier niemand den Kuchen bringt – und das Land am Ende auf der Rechnung sitzen bleibt.

Gates Of Memes ist ein Satire-Medium. Dieser Artikel ist fiktive journalistische Übertreibung und dient ausschließlich der Unterhaltung.