In einem noch nie dagewesenen Vorgang hat ein von den Taliban entsandter Diplomat die Geschäftsleitung der afghanischen Botschaft in Berlin übernommen, wie das Auswärtige Amt am Dienstag auf Anfrage bestätigte. Der Schritt, so heißt es in einer knappen Stellungnahme, sei "im Rahmen der fortbestehenden völkerrechtlichen Verpflichtungen" zu sehen und berühre die Frage der staatlichen Anerkennung nicht. Regierungskreise sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem "komplexen, aber letztlich verwaltungstechnischen Vorgang", der die operative Handlungsfähigkeit der Mission sicherstelle.

Hintergründe

Die Entwicklung vollzog sich über Wochen hinweg nahezu geräuschlos, wie aus internen Kreisen des Bundespräsidialamts zu erfahren war, die anonym bleiben wollten. Demnach fand eine Serie von "technischen Gesprächen" zwischen einem mittlerweile als "Geschäftsträger" agierenden Taliban-Vertreter und leitenden Beamten der Berliner Botschaft statt, in deren Verlauf die operative Kontrolle schrittweise transferiert wurde. "Es ging im Wesentlichen um die Schlüsselverwaltung, die Zuständigkeit für die Wasserversorgung der Teppiche und die Fortschreibung des Visumstempel-Bestands", erklärte ein mit der Angelegenheit befasster Mitarbeiter des Finanzministeriums, der namentlich nicht genannt werden wollte. Die Bundesdruckerei sei bereits mit der Anpassung der Formulare betraut, die nun den Stempelaufdruck "Islamisches Emirat Afghanistan" trügen – in einem separaten, nicht öffentlich sichtbaren Feld, wie betont wird.

Führende Diplomaten in Berlin beschreiben die Situation als "steinernes Paradoxon": Während die Bundesregierung öffentlich jeden Kontakt zur "Islamischen Emirate" als Regierung ablehnt, ermögliche das Wiener diplomatische Übereinkommen einen minimum an operativer Kontinuität, die nun genutzt werde. "Man kann einer Botschaft nicht einfach das Wasser abdrehen, nur weil man ihre Regierung nicht mag", so ein langjähriger Mitarbeiter der Auswärtigen Amtes, der unter der Bedingung der Anonymität sprach. "Die Frage ist nur, wessen Unterschrift fortan unter den Antrag auf Frischwasser-Reparatur steht."

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Die Opposition im Bundestag reagierte mit scharfer Kritik. Die FDP bezeichnete den Vorgang als " narratives Desaster", die Grünen sprachen von einem "schleichenden Normalisierungsversuch". In einer turbulenten Sitzung des Auswärtigen Ausschusses forderte dieunion eine "sofortige Klärung" durch den Bundesaußenminister. Dieser wies den Vorwurf einer Anerkennung zurück und betonte, Deutschland kooperiere "ausschließlich mit der vorherigen, legitimen afghanischen Regierung im Exil". Parallel dazu fanden jedoch bereits informelle Treffen zwischen Beamten des Auswärtigen Amtes und dem neuen Geschäftsträger in der Cafeteria der Botschaft statt, bei denen, wie kolportiert wird, über die Zukunft des stuckverzierten Konferenzraums debattiert wurde.

International löste der Vorgang verhaltene Irritation aus. Ein Sprecher der EU-Außenbeauftragten verwies auf die "einheitliche Position der Mitgliedstaaten" zur Nichtanerkennung, räumte aber ein, dass die praktische Handhabung "nationaler Kompetenz" unterliege. In Washington