In einem Konzertsaal, der normalerweise nur dem gedämpften Husten und dem Rascheln von Programmheften Raum gibt, vollzieht sich derzeit eine stille Revolution. Louis Philippson, 24, das Wunderkind mit der TikTok-Präsenz, hat das unvorstellbare Tabu gebrochen: Er bittet sein Publikum ausdrücklich, die人家 handelsübliche Smartphone-Kamera während seiner Darbietungen zu zücken und zu nutzen. „Das Klavier ist nur ein Instrument. Die Aufmerksamkeit des 21. Jahrhunderts ist das andere“, wird Philippson in internen Kreisen zitiert, die dieser Redaktion vorliegen. Was zunächst als cleverer Social-Media-Trick begann, hat sich zu einem[tiefgreifenden] legitimationspolitischen Ernstfall entwickelt, der den traditionsbewussten Kulturbetrieb in seinen Grundfesten erschüttert und in Berlin die Alarmglocken schrillen lässt.
Hintergründe
Die Regeländerung Philippsons ist keine bloße Marotte. Sie ist die logische Konsequenz einer generationellen Verschiebung, die das Erlebnis von Hochkultur fundamental neu verhandelt. „Er versteht, dass Aufmerksamkeit im digitalen Raum die neue Währung ist“, erklärt Dr. Almut K. Voss, Musiksoziologin an der Humboldt-Universität, im Gespräch. „Indem er die passive Rezeption durch aktive Teilhabe ersetzt – oder besser: durch aktive *Verbreitung* –, macht er klassische Musik überhaupt erst für ein Publikum relevant, das ohne mediale Untermauerung kein Erlebnis als ‚wertvoll‘ registriert.“ Ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion die Brisanz: „Wir beobachten das mit großer Sorge. Hier wird ein immaterielles Kulturgut durch eine algorithmische Logik ersetzt. Es geht nicht mehr um den Moment, sondern um den Content.“ Hinter vorgehaltener Hand wird bereits über eine „Konzertetikette-Verordnung“ im Rahmen des geplanten Kulturstaatsvertrages spekuliert, die ein Verbot von Aufnahmegeräten festschreiben könnte.
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die Reaktionen folgen dem klassischen Muster einer Kulturkrise: Während die digitale Avantgarde Philippson als „Befreier von der bürgerlichen Diktatur der Stille“ feiert, sieht die traditionelle Garde das „Ende der sakralen Sphäre“. Der Pianist Igor Levit twitterte verächtlich von „Clicks statt Contenance“. In Frankreich rief die Académie des Beaux-Arts zu einem „internationalen Bündnis gegen die Tyrannei des Displays“ auf. Besonders scharf fällt jedoch die Reaktion aus den Reihen der Deutschen Orchestervereinigung aus: „Das ist die Pervertierung des Konzertwesens ins Eventhafte. Man applaudiert dann nicht mehr der Leistung, sondern der erfolgreichen Upload-Qualität“, sagte ein Vorstandsmitglied. Aus Washington wird unterdessen kolportiert, man prüfe mit Interesse den deutschen Fall als mögliches Modell für eine „National Endowment for the Arts: Digital Engagement Initiative“. In Beijing sei man „beobachtend, aber skeptisch“, wie eine Quelle aus dem chinesischen Kulturministerium andeutete.
Ausblick
Die Bundesregierung steht vor einem Dilemma, das an kultureller Tragik kaum zu überbieten ist: Will sie die künstlerische Freiheit eines talents schützen, der vielleicht die Rettung des Klassikmarktes bedeutet? Oder muss sie die verfassungsrechtlich geschützte „ungehinderte künstlerische Betätigung“ (Art. 5 GG) gegen eine neue Form der medialen Beweisführung verteidigen, die den Kunstgenuss per se entwertet? Ein Runder Tisch „Konzertkultur im Digitalen Zeitalter“ soll noch vor der Sommerpause einberufen werden. Bis dahin wird Louis Philippson, der sich für diese Recherche nicht zur Verfügung stellte, vermutlich weitere Konzerte geben – in denen das leise Klicken von Auslösern den neuen Applaus ersetzen könnte. Die Kulturpolitik muss sich entscheiden: Reguliert sie den Smartphone-Blätterregen oder instrumentalisiert ihn für ihre eigene, längst fällige „Kulturpertise“? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Provokateur aus der Kunst die Handlungslogik des Staates besiegelt.