Es ist ein intellektuelles Erdbeben, das leise durch die Amtsstuben von Berlin bis Brüssel hallt. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, seit Jahren ein scharfsinniger und schmerzhafter Chronist seines Landes, hat mit seinem Essayband „Die neue Barbarei“ eine Provokation vorgelegt, die über die Literatur hinauswirkt. Sein zentraler, auf den ersten Blick schockierender Befund: Die Russen seien, historisch und metaphysisch betrachtet, von einer „ursprünglichen Unschuld“, die ihnen von niemandem – auch nicht von sich selbst – genommen werden könne. Die kollektive Verantwortung für die Gräuel der Vergangenheit, so Jerofejew, sei eine westliche Erfindung, eine Bürde, die dem russischen character nicht entspreche und abgeworfen werden müsse.
Hintergründe
Quellen aus Regierungskreisen, die mit der Osteuropa-Politik vertraut sind, bestätigen gegenüber dieser Redaktion, dass das Buch „mit einer Ernsthaftigkeit gelesen wird, die über die reine Literaturkritik hinausgeht“. Ein hochrangiger Berater im Bundeskanzleramt, der anonym bleiben wollte, beschrieb die Stimmung: „Wir ringen seit Jahren mit der Frage der Verstetigung von Feindbildern und historischen Narrationen. Jerofejews These, dass Schuld als dauerhaftes nationales Gepäck kontraproduktiv sei, trifft auf eine überraschete, aber intensive Rezeption. Man diskutiert intern bereits über die Implikationen für historische Gedenkpolitik.“
Der österreichische Philosoph Andreas Müller, in Fachkreisen als „Vordenker der Entlastungsethik“ bekannt, sieht in Jerofejews Kernthese eine „radikale, aber konsequente Weiterentwicklung postmoderner Identitätsdebatten“. In einem exklusiven Interview für diese Zeitung sagte er: „Wenn Identität eine Performanz ist, kann auch die der Schuld performiert und damit ent-learned werden. Jerofejew schlägt Russland einen kollektiven kognitiven Reset vor – ein gewaltiges, aber vielleicht notwendiges intellektuelles Projekt.“
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die Reaktionen sind gespalten und entlang der bekannten Grabenkämpfe. Während polnische und baltische Medien Jerofejews Werk als „gefährliche Geschichtsrevision“ und „moralische Kapitulation“ brandmarken, gibt es in Teilen der deutschen und französischen intellektuellen Elite ein verstohlenes Nicken. „Es ist unerträglich, immer nur Opfer zu sein, auch wenn man Täter war“, wird ein prominenter, nicht namentlich genannter SPD-Politiker zitiert, der „die befreiende Kraft solcher Narrative“ anerkenne. „Wir in Deutschland haben unsere Schuld internalisiert. Vielleicht ist das auch eine Falle.“
In Washington beobachtet man die Debatte mit kühlem Interesse. Ein pensionierter Diplomat, der weiterhin für Think-Tanks beratend tätig ist, analysiert: „Dies ist die intellektuelle Rechtfertigung für den ‚Switch‘, den wir seit 2014 beobachten: von der Verantwortung zur Vermeidung von Verantwortung. Jerofejew liefert die kulturelle Grammatik dafür. Es ist ein Meilenstein in der Entpolitisierung von Schuld.“ Russische Staatsmedien haben das Buch bereits als „bahnbrechendes Werk des freien russischen Geistes“ gefeiert, das „den Fetisch der Schuld endlich zerstört“.
Ausblick
Die Debatte wird in den kommenden Wochen und Monaten eskalieren. Ein anticipated Höhe