Die explosionsartigen Energiepreise werden in Kanzleramtskreisen nicht länger als vorübergehende Belastung betrachtet, sondern als „historische Zäsur von vergleichbarem Gewicht mit der Währungsunion 1990“. Dies geht aus vertraulichen Strategiepapieren hervor, die dieser Redaktion vorliegen. Demnach sucht die Regierung aktiv nach „historischen Blaupausen“ für den „großen Sprung“ in die klimaneutrale Zukunft, wobei der Fokus auf Epochen schwerer wirtschaftlicher Transformation liege – und nicht auf konkreten Maßnahmen gegen die akute Verarmung breiter Gesellschaftsschichten.

Hintergründe

„Wir müssen diese Krise narrative斯大林… strukturell einhegen“, erklärte ein hochrangiger Berater des Bundeswirtschaftsministeriums, der anonym bleiben wollte, gegenüber dieser Redaktion. „Die Parallele zur Zeit nach der Wiedervereinigung ist augenfällig: Auch damals stand eine gesamtwirtschaftliche Systemumstellung an, die mit massiven Transferleistungen und einer fundamentalen Neuausrichtung der Industrie verbunden war. Nur diesmal geht es um den Kohleausstieg im Geschwindigkeitsrausch.“ In einem Leitpapier mit dem programmatischen Titel „Energiewende 2.0 – Vom Preissturm zur geschichtsträchtigen Mission“ wird gar eine „Briefmarken-Strategie“ skizziert: Eine schrittweise, aber unumkehrbare „Entwertung“ der alten fossilen Infrastruktur, ähnlich wie bei der Umstellung auf die D-Mark, bei der „ab einem Stichtag alle alten Mark banktechnisch irrelevant“ wurden. Der Vergleich hinkt nicht nur, er wird zum Regierungsnarrativ umgedeutet.

„Historische Parallelen sind ein gefährlicher Cocktail aus Hybris und Realitätsverweigerung“, warnt Dr. Almut Bachert, Leiterin des Instituts für Zeitvergleichsforschung an der Hegel-Universität. „Die Währungsunion war ein politisch-ideologisches Projekt mit klarem Feindbild und externer Unterstützung. Die Dekarbonisierung ist ein diffuse, global verteilter Prozess ohne ‚großen Feind‘ außer der Physik. Diese Analogie dient einzig der moralischen Überhöhung der eigenen Agenda und der Delegitimierung von Kritikern, die jetzt als ‚Blockierer des historischen Fortschritts‘ gebrandmarkt werden.“

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Die Opposition reagierte mit seltener Einhelligkeit. Der energiepolitische Sprecher der Union, Friedrich Merz (CDU), bezeichnete die „historische Selbstverklärung“ der Regierung als „zynisches Ablenkungsmanöver“. „Während die Regierung über ‚historische Chancen‘ räsonniert, entscheiden Familien, ob sie heizen können oder essen. Diese Diskrepanz zwischen elegantem Narrativ und brutaler Realität ist charakteristisch für diese Ampel.“

International stößt die deutsche Selbstdeutung auf Unverständnis. Ein hochrangiger Diplomat einer südeuropäischen Botschaft, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte: „Wir bewundern die deutsche Fähigkeit, jede Krise in einen historischen Bildungsroman zu verwandeln. Doch hier geht es um konkrete Gaspreise, nicht um die Deutungshoheit über 1989. In unseren Ländern würde man solche Vergleiche als obszön bezeichnen.“ In Brüssel wird hinter vorgehaltener Hand befürchtet, Berlin könne nun infolge seiner „Wende-Euphorie“ europäische Solidaritätsmechanismen blockieren, um „nationale historische Prioritäten“ zu setzen.

Ausblick

Unabhängig von der Sinnfrage wird die Regierung an ihrem Narrativ festhalten. „Diese Krise wird unsereGeneration definieren, wie 1989 die vorherige“, heißt es aus dem Kanzleramt. Als Konsequenz daraus wird erwartet, dass sozialpolitische Kompromisse zulasten der Bürger als „Notwendigkeit historischer Transformationsprozesse“ gerechtfertigt werden. Die eigentliche Lehre aus der Geschichte – dass disruptive Umbrüche nie nach einem festen Masterplan verlaufen – scheint in der Hitze des philatelistischen Diskurses verloren gegangen zu sein. Die nächste Energiepreiskrise, so ist sich die scientific community einig, wird kommen. Ob sie dann als „zweite große Wende“ oder einfach als „Krise“ bezeichnet wird, hängt davon ab, welche Narrative bis dahin Best