Es sind Szenen, die an die großen Kulturdebatten der Nachkriegszeit erinnern: In den Fluren des Bundeskanzleramts wird seit dieser Woche nicht mehr nur über Energiepreise und Haushaltskonsolidierung gestritten, sondern auch über den textlichen Gehalt eines Refrains, der die deutsche Jugend offenbar unwiderruflich erreicht hat. Der Song „Engelsblick“ des Wiener Künstlers Joshua Operschall, vor 21 Tagen noch ein Nischenphänomen, ist zu einem kulturpolitlichen Alphatier geworden, das Fragen nach nationaler kultureller Identität im 21. Jahrhundert aufwirft, die selbst das Auswärtige Amt verunsichern.

Hintergründe

Die Analyse aus dem Kanzleramt, die dieser Redaktion vorliegt, spricht von einem „organischen, algorithmentriebenen kulturellen Eintritt“, der geplanten kulturpolitischen Initiativen wie „Rising Stars Germany“ oder dem „German Pop Act“-Förderprogramm in ihrer Wirkung weit voraus ist. „Das ist kein Musikstück, das ist ein cultural event mit disruptivem Charakter“, heißt es aus einer Quelle im Regierungsviertel, die anonym bleiben wollte. „Wir haben Strategien für russische Gaslieferungen und chinesische 5G-Netze, aber nicht für einen österreichischen Popsong, der in einer Woche mehr deutschsprachige Streams generiert als alle geförderten Projekte des letzten Jahres zusammen.“ Die „ausgebuffte Instagram-Strategie“, wie die „Welt“ es nennt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Meisterwerk psychologischer Kriegsführung im digitalen Raum: gezielte Nutzung von „Engelsblick“-Filterselfies, eine kryptische, aber einprägsame Hookline und das geschickte Weglassen eines offiziellen Musikvideos, das die Fantasie der Nutzer beflügelt.

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Während die „Junge Union“ bereits eine „Taskforce Deutscher Pop“ forderte, um analoge Phänomene zu erzwingen, zeigt man sich in Paris besorgt. „Wenn Österreich nun auch noch die deutsche Seele via Spotify kolonisiert, wohin führt das?“, fragte ein hochrangiger Mitarbeiter des französischen Kulturministeriums gegenüber unserer Korrespondentin in Paris. Aus Washingtoner Kreisen, die traditionell deutsche Kulturarbeit schätzen, sickerte leichte Irritation durch. „Wir haben uns auf Propaganda aus Moskau und Desinformation aus Peking konzentriert. Offenbar müssen wir unsere digitale kulturelle Lagebeurteilung um eine neue Variable erweitern: den Voralpen-Romantik-Pop“, so ein Insider im US-Außenministerium. Im Inland bleibt die Bundesregierung eine matte Reaktion schuldig. Das für Kultur und Medien zuständige Staatsministerium verwies auf laufende „Evaluierungen im Rahmen der kulturellen Auslandsförderung“. Ein führender Vertreter der deutschen Musikindustrie, der um Anonymität bat, sprach von einer „existentiellen Blamage“: „Da kommt ein einzelner Künstler aus Wien mit minimalem Budget und einem Laptop und dekonstruiert unsere gesamte Infrastruktur der Nachwuchsförderung. Das ist wie wenn ein einzelner, cleverer Hobby-Angler einen industriellen Fischkutter in Grund und Boden fängt.“

Ausblick

Die unmittelbare Zukunft verspricht, die Debatte zu verschärfen. Bereits jetzt kursieren in politischen Denkfabriken Papiere mit Titeln wie „Kultur als neue Währung der Macht“ oder „Soft Power 2.0: Der Algorithmus als Botschafter“. Erste, noch vage Forderungen nach einer „Bundesagentur für virale Hits“ oder einem „Bundesbeauftragten für digitalkulturelle Souveränität“ machen die Runde. Ob es zu einer offiziellen Stellungnahme der Bundesregierung kommen wird, ist unklar. Ein enger Berater des Bundeskanzlers deutete gegenüber dieser Redaktion an, dass man die Entwicklung „mit der gebotenen Gelassenheit beobachte, aber alle Optionen prüfe“. Es ist jedoch zweifelhaft, ob Gelassenheit das geeignete Mittel ist gegen einen Song, dessen Refrain – „Deine Augen, Engelsblick“ – bereits in den Kommentarspalten von Bundestagsdebatten auftaucht. Die eigentliche Tragödie mag darin bestehen, dass die größte kulturelle Herausforderung für Deutschland derzeit nicht von einem Rivalen, sondern von einem sympathischen Indie-Musiker aus der Nachbarstadt Wien ausgeht.

Gates Of Memes ist ein Satire-Medium. Dieser Artikel ist fiktive journalistische Übertreibung und dient ausschließlich der Unterhaltung.