Die Securities and Exchange Commission (SEC) hat in einem überraschenden Schritt die Abschaffung von Regulation NMS (Reg NMS) Regel 611 sowie Regel 610(e) vorgeschlagen – beides Eckpfeiler des US‑Aktienhandels seit dem Jahr 2005. Der Vorschlag, der am Dienstag in Washington eingereicht wurde, sieht vor, das sogenannte „Trade‑Through“-Prinzip zu eliminieren, das bislang sicherstellte, dass Orders den besten verfügbaren Preis im gesamten Handelssystem (National Market System) erzielen.
Hintergründe
Der Begriff „Trade‑Through“ wurde im Zuge der Post‑Flash‑Crash‑Reformen eingeführt, um Fragmentierung und latente Preisunterschiede zwischen den tausenden von Handelsplätzen zu minimieren. Laut Bloomberg-Terminal-Daten (Abbildung 3) lag die durchschnittliche Preisabweichung zwischen dem NBBO (National Best Bid and Offer) und Executionspreisen im Jahr 2023 bei 0,04 %. Die SEC rechtfertigt den Schritt mit der Argumentation, dass die Regel „die Komplexität des Marktes unnötig erhöhe und die Innovationskraft von alternativen Handelsplätzen hemme“. Ein Sprecher des Amtes, der anonym bleiben wollte, verwies auf interne Modelle, die eine mögliche Reduktion des Handelsvolumens in „Lit‑Markets“ um bis zu 12 % prognostizieren.
Finanzanalysten von Goldman Sachs, vertreten durch Senior‑Analystin Dr. Eva Müller, warnen hingegen vor systemischen Risiken. „Durch das Wegfallen der Trade‑Through‑Pflicht verlieren kleine und mittelgroße Broker ihre Preis‑Sicherung, wodurch Liquiditätsengpässe im Rückzugs‑Spot entstehen können“, erklärte sie gegenüber dieser Redaktion. Sie verwies auf das sogenannte „Liquidity Mirage“-Phänomen, welches in den letzten Quartalen bei allen Top‑10‑ETFs in den USA beobachtet wurde.
Reaktionen aus dem In‑ und Ausland
Ein Mitarbeiter des US‑Finanzministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte, dass die Regulierungsbehörde in engem Austausch mit der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) stehe, um mögliche Überschneidungen zu vermeiden. In Europa reagierten die European Securities and Markets Authority (ESMA) sowie die Deutsche Börse mit Besorgnis. Ein Sprecher der ESMA äußerte, dass „ein abrupter Umbau der US‑Handelsinfrastruktur negative Spill‑over‑Effekte auf europäische Märkte und die transatlantische Arbitrage‑Stabilität haben könnte“.
Im asiatischen Raum äußerten Vertreter der Hong Kong Stock Exchange (HKEX) und der Shanghai Stock Exchange (SSE) Interesse an einer möglichen „First‑Mover‑Advantage“, sollte die US‑Regulierung zu geringerer Marktfragmentierung führen. Ein leitender Manager von HKEX, der anonym bleibt, bemerkte: „Wir beobachten die Entwicklungen genau, um ggf. unsere eigenen Order‑Routing‑Algorithmen anzupassen.“
Ausblick
Die endgültige Entscheidung über den Vorschlag wird voraussichtlich im Herbst 2024 getroffen, nachdem die SEC einen 60‑Tage‑öffentlichen Kommentar‑ und Konsultationszeitraum abgeschlossen hat. Marktteilnehmer bereiten sich bereits auf mögliche Volatilitäts‑Spikes vor, die sich aus einer Neuausrichtung der Order‑Flow‑Dynamik ergeben könnten. Einige Hedgefonds planen, ihre Handelsstrategien umzustellen, um von potenziell erhöhten Spreads und geringerer Transparenz zu profitieren.
Ob die Abschaffung von Regel 611 und 610(e) tatsächlich zu einer „Vereinfachung“ des Marktes führt oder stattdessen neue Quellen von Ineffizienz und Risiko eröffnet, bleibt abzuwarten. Die nächsten Monate dürften für Regulierer, Händler und Investoren gleichermaßen ein kritisches Testfeld für die Resilienz des globalen Finanzsystems darstellen.
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