Seit dem spektakulären Zusammenbruch von FTX im November letzten Jahres beobachten wir einen radikalen Wendepunkt in der institutionellen Beteiligung am Kryptomarkt. Während die Gesamtexposition gegenüber digitalen Vermögenswerten weiter wächst, verlagern sich die Mechanismen der Kapitalbindung: Große Finanzakteure entfernen systematisch ihre Bestände von öffentlichen Börsen und etablieren interne, stark gesicherte Verwahrungsstrukturen.

Hintergründe

Nach Angaben eines anonymen Marktteilnehmers, der seit 2013 im Kryptobereich tätig ist, haben 70 % der institutionellen Kryptofonds ihre Assets seit Q1 2024 von den Top‑5 Börsen abgezogen. Die Ursachen seien vielschichtig: Vertrauensverlust nach dem FTX‑Skandal, regulatorische Unsicherheit und die zunehmende Verfügbarkeit von Cold‑Storage‑Lösungen, die mit dem klassischen Banking‑Vorbild kompatibel seien.

Abbildung 3 (nicht abgebildet) zeigt den dramatischen Rückgang der on‑chain‑geparkten Volumina auf den Börsen im Vergleich zu einem Anstieg der im sogenannten “Enterprise Vault” gehaltenen Tokens. Die durchschnittliche Lagerdauer in internen Tresoren hat sich von 45 Tagen im Jahr 2022 auf 120 Tage im heutigen Quartal erhöht.

Ein leitender Analyst von Goldman Sachs, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion: „Institutionen suchen nach Kontrolle, Transparenz und regulatorischer Konformität – vier Säulen, die traditionelle Exchanges derzeit nicht in ausreichender Weise liefern.“

Reaktionen aus dem In‑ und Ausland

Ein Mitarbeiter des Bundesfinanzministeriums, der anonym bleiben wollte, äußerte gegenüber dem Handelsblatt: „Wir beobachten die Entwicklung aufmerksam. Die Verschiebung hin zu eigenständigen Verwahrungsmodellen könnte zu einer Neu­verteilung von Marktliquidität führen.“

In den USA machte ein Sprecher der SEC deutlich, dass die Behörde die „Custody‑Frameworks“ von Banken künftig stärker prüfen werde: „Wir erwarten, dass Institutionen robuste, von uns genehmigte Sicherheitsstandards nachweisen.“

Auf Seiten der Börsen selbst reagierte das Management von Binance mit einer Pressemitteilung, in der betont wurde, dass neue „Institutional Custody Services“ in Planung seien, jedoch sei die „Marktnachfrage nach dezentraler Liquidität ungebrochen.“

Ausblick

Prognostizierende Modelle des Bloomberg Terminals deuten darauf hin, dass bis Ende 2025 mindestens 45 % des institutionellen Kryptokapitals in proprietären Tresoren lagern werden. Die Folgen für die Preisbildung könnten signifikant sein, da die on‑chain‑Liquidity schrumpft und Preisschwankungen potenziell verstärkt.

Gleichzeitig eröffnet die Verschiebung Chancen für Unternehmen im Bereich „Crypto‑Infrastructure as a Service“, die künftig als Lieferanten von Sicherheitshardware und Auditing‑Software fungieren könnten. Der Markt für solche Dienstleistungen soll bis 2027 ein Volumen von 12 Mrd. USD erreichen.

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