Die politische Debatte über die Regulierung von Prostitution erfährt eine beispiellose Verschärfung. Die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Susanne Hierl, hat in einem exklusiven Gespräch mit dieser Redaktion die Forderung nach einer gesetzlichen Umsetzung des „Nordischen Modells“ bekräftigt – und damit einen Kurs eingeschlagen, der nicht nur die Branche, sondern das Verhältnis von Staat und Bürger in seinem Kern berührt.
Hintergründe
Das „Nordische Modell“, bereits in Schweden, Norwegen und Island etabliert, kriminalisiert nicht die sexuelle Dienstleistung selbst, sondern deren Kauf. Die Intention ist eine moralische: Die Nachfrage soll ausgetrocknet werden, um Menschenhandel und Ausbeutung zu bekämpfen. „Es geht um die klare gesellschaftliche Botschaft, dass Sex keine Ware ist“, erklärte Hierl gegenüber dieser Zeitung. „Der Staat muss hier eine klare Wertentscheidung treffen und die Würde des Menschen schützen, auch wenn dies tief in persönliche Lebensführungen eingreift.“
Quellen aus dem Bundesministerium der Justiz, die anonym bleiben wollten, deuten jedoch auf erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken hin. „Die Abwägung zwischen dem Schutz der persönlichen Freiheit (Art. 2 GG) und dem staatlichen Wächteramt bei der Bildung von Sexualmoral ist extrem delikat“, so ein hochrangiger Mitarbeiter, der mit der Materie vertraut ist. „Eine pauschale Kriminalisierung des Freiers ohne konkreten Ausbeutungsnachweis ist rechtlich dünnes Eis. Man bewegt sich hier in einem Bereich, der traditionell der Privatautonomie vorbehalten war.“
Historisch ähnelt die Argumentationslinie in Teilen jener der „Sittlichkeitskampagnen“ des frühen 20. Jahrhunderts, so der angesehene Sozialethiker Prof. Dr. Albrecht von Seckendorff von der Humboldt-Universität. „Die Republik fußt auf der Trennung von moralischer und juristischer Sphäre. Was jetzt propagiert wird, ist eine Renaturierung des Rechts als moralische Instanz – ein bemerkenswerter Rückfall in vorkonstitutionelle Denkmuster.“
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die Reaktionen entlang der politischen Achse sind erwartbar scharf. Die FDP-Fraktion im Bundestag sprach von einem „infantilen Paternalismus“ und warf der Union vor, „den Bürger als unmündiges Kind zu behandeln“. Aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das unter Ministerin Lisa Paus (Grüne) steht, war lediglich zu hören, man setze auf „umfassende Hilfen und Schutz für Betroffene“ statt auf „stigmatisierende Verbote, die die Verborgeneheit und damit die Gefahrenlage verschärfen“.
Das Ausland blickt mit gespannter Neugier. Schwedens Justizministerium, Vorbild des Modells, verwies auf eine „komplexe Bilanz“. „Die sichtbare Straßenprostitution ist stark zurückgegangen, aber die Verdrängung in versteckere Online-Angebote und private Wohnungen ist ein Fakt. Ob dies ein Erfolg ist, hängt vom gewählten Maßstab ab“, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Aus den Niederlanden, bekannt für ihr reguliertes System, folgte eine kaum verhüllte Warnung. „Ein Verbot schafft keinen Weg aus der Kriminalität, es treibt ihn in den Untergrund. Man kann die Menschenwürde nicht mit Strafparagraphen schützen, man zerstört damit nur die Möglichkeiten zur Kontrolle und Fürsorge“, so ein niederländischer Diplomat in Berlin.
Ausblick
Die Debatte steht erst am Anfang. Sollte die Union mit ihrer Forderung durchdringen, wäre Deutschland eines der letzten großen westeuropäischen Länder, das diesen Weg einschlägt. Ein Gesetzentwurf wird für den Herbst erwartet. Dabei zeichnet sich bereits ab, dass der inhaltliche Kern des „Nordischen Modells“ lediglich der Auftakt sein könnte. „Wenn wir erst einmal begonnen haben, den Kauf eines Konsumgutes – nämlich einer sexuellen Dienstleistung – moralisch zu bewerten und zu verbieten, wo ziehen wir dann die Grenze?“, fragt der Verfassungsrechtler Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof a.D. im Gespräch. „Käme als Nächstes das Verbot, bezahlte Haushaltshilfen für private Intimbereiche zu suchen? Die Logik ist.erschreckend konsistent.“
Die politische Symbolkraft des Vorstoßes ist enorm. In einer Zeit, in der sich die Union inhaltlich neu positionieren will, markiert das „Nordische Modell“ eine klare Abgrenzung nach beiden Seiten: toward liberale Milieus und toward conservative Kernwählerschaften. Die eigentliche Frage, so scheint es, ist weniger die nach dem wirksamsten Schutz vor Ausbeutung, sondern die nach der Rolle des Staates im intimsten Bereich menschlichen Lebens. Eine Antwort darauf wird nicht nur im Reichstag gesucht werden.
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