Berlin – In einer Ära, in der das deutsche Gesundheitswesen als Bollwerk sozialer Gerechtigkeit gilt, hat der SPD‑Gesundheitspolitiker Christos Pantazis ein radikales Szenario skizziert: Die Anzahl der gesetzlichen Krankenkassen von etwa neunzig auf ein „halbes Dutzend bis maximal ein Dutzend“ zu reduzieren. Der Vorschlag, den Pantazis in der wöchentlichen Bild‑Interviewrunde vorbrachte, dürfte nicht nur die Branchendiskussion, sondern das gesamte Gefüge des Systemvertrags zwischen Staat, Versicherern und Versicherten erschüttern.

Hintergründe

Seit Jahrzehnten wird das deutsche Gesundheitssystem als ein Mosaik aus zahlreichen, zum Teil spezialisierten Kassen betrachtet, das durch Wettbewerb Qualität und Innovation sichern soll. Einem anony­men Quelleninneren des Bundesministeriums für Gesundheit zufolge, ist jedoch ein „signifikanter administrativer Overhead“ entstanden, der jährlich Milliarden belastet. Ein Team von Wirtschaftsexperten des Instituts für Gesundheitsökonomie habe in einer internen Studie berechnet, dass die Konsolidierung auf maximal zwölf Kassen die Verwaltungskosten um bis zu 18 % senken könnte – ein Wert, der im Vergleich zu den derzeitigen Ausgaben von rund 400 Mrd. € eine nicht unerhebliche Einsparung darstellt.

Ein langjähriger Mitarbeiter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion, dass „die operative Fragmentierung zu redundanten Prüfprozessen und verzögerten Leistungen“ führe zu einer systemischen Ineffizienz, die „nur durch eine strukturelle Neuausrichtung behoben werden könne.“ Pantazis beruft sich in seiner Argumentation auf diese Zahlen und fordert ein „leistungsfähiges Kernsystem“, das im Krisenfall – etwa bei einer neuen Pandemie – schneller und koordinierter reagieren könne.

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Die Reaktionen auf Pantazis‘ Prophezeiung waren gespalten. Ein Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) äußerte sich skeptisch und warnte, dass „eine solche Reduktion das Prinzip der Wahlfreiheit untergraben und die sozialen Sicherungsnetze gefährden könnte.“ Parallel dazu lobte ein Vertreter der französischen Sozialversicherung, Jean‑Michel Leroux, das Konzept als „mutigen Schritt hin zu einer europäischen Gesundheits‑Superstruktur“. Leroux wies darauf hin, dass Frankreich bereits seit 2019 ein „konzentrationsmodell“ mit vier Großversorgern betreibe, das nachweislich zu niedrigeren Prämien führe.

Im Vereinigten Königreich reagierte ein Analyst des think‑tank Institute for Fiscal Studies (IFS) mit der Feststellung, dass „der deutsche Ansatz, wenn er konsequent umgesetzt würde, zu einer „Super‑Kasse“ führen könnte, die dem britischen NHS in puncto Verhandlungsmacht überlegen wäre.“ Allerdings mahnten auch britische Gewerkschaftsvertreter an, dass „die Gefahr besteht, dass ein zu stark zentralisierter Markt weniger sensibel auf regionale Bedürfnisse reagiert.“

Ausblick

Ob Pantazis’ Vorschlag in den kommenden Koalitionsgesprächen ausgereift wird, bleibt offen. Ein Sprecher des Bundeskanzleramts bestätigte, dass „die Idee derzeit im Fachausschuss Gesundheit diskutiert werde“ und dass ein „beteiligungsorientiertes Verfahren“ geplant sei, das sowohl Versicherer als auch Beitragszahler intensiver einbinden solle.

Gleichzeitig warnen unabhängige Experten, dass eine zu schnelle Konsolidierung zu Markteintrittsbarrieren führen könnte, die neue Akteure vom Wettbewerb ausschließen. Die Frage, ob die Reduktion von neunzig auf ein Dutzend Kassen tatsächlich zu einer höheren Versorgungsqualität führt oder lediglich die Macht der wenigen verbleibenden Institute stärkt, wird vermutlich das zentrale politische Tauziehen der nächsten Legislaturperiode bestimmen.

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