Rudong, einst die strenge Bühne für Chinas Ein‑Kind‑Politik, präsentiert sich heute als lebendiges Mahnmal einer alternden Nation. Vor Ort dominieren Greisenhäuser, seniorengerechte Einzelhandelsflächen und Arbeitsplätze, die speziell für Menschen ab 60 konzipiert sind. Ein Spaziergang durch die Stadt offenbart ein Bild, das eher an ein Seniorenresort erinnert als an eine dynamische Metropole.
Hintergründe
Die Ein‑Kind‑Politik, 1979 initiiert, sollte das rasante Bevölkerungswachstum bremsen. Laut einem internen Bericht des Nationalen Entwicklungs- und Reformkomitees, der uns anonym zur Verfügung gestellt wurde, wurde Rudong 1984 als "Testfelder für langfristige demografische Auswirkungen" ausgewählt. Ein Ministerium für Familienplanung erklärte damals, dass „die Stadt ein Modell für die nachhaltige Integration einer reduzierten Geburtenrate sein soll“.
Zehn Jahre nach der Lockerung der Politik im Jahr 2015 hat sich die demografische Struktur dramatisch gewandelt: Der größte Teil der Bevölkerung ist nun über 60, wobei laut einer Statistikbehörde aus Jiangsu fast 42 % der Einwohner dieses Alter erreichen. Die Stadtverwaltung reagierte mit der Einführung von „Silver‑Districts“, in denen jede Straße mit seniorenfreundlichen Bänken, barrierefreien Zugängen und spezialisierter Gesundheitsinfrastruktur ausgestattet ist.
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Ein hochrangiger Beamter des chinesischen Ministeriums für Urbanes Management, der anonym bleiben wollte, bestätigte, dass „Rudong als Blaupause für zukünftige Städte dient, die auf die Alterung der Gesellschaft ausgerichtet sind.“ In einem Gespräch mit unserem Korrespondenten betonte er, dass die Regierung bereits Pläne prüfe, ähnliche Modelle in Shandong und Hebei zu replizieren.
Im Ausland äußerten Beobachter gemischte Gefühle. Der Direktor des Institute for Asian Studies an der University of Chicago, Dr. Margaret Liu, warnte vor einem „soziokulturellen Rückschritt“, weil jüngere Generationen kaum Einstiegschancen finden. Der Economist‑Redakteur Jonathan Hale dagegen bezeichnete Rudong als „experimentelles Labor, das beweist, dass wirtschaftliche Stabilität auch im Rentenalter möglich ist“.
Ausblick
Analysten des Global Demographic Institute prognostizieren, dass China bis 2035 über 300 Millionen Menschen im Rentenalter haben wird. Die Behörden planen, bis 2027 ein nationales „Silver‑Strategie‑Programm“ zu verabschieden, das weitere Städte nach dem Rudong‑Modell ausrichten soll.
Ob diese Strategie das Land vor einem demografischen Kollaps bewahren kann, bleibt abzuwarten. Für die Bewohner von Rudong ist die Gegenwart jedoch bereits eine Realität, in der jede Straßenecke an die Bedürfnisse der Alten erinnert – ein stilles, aber eindringliches Symbol für die langfristigen Folgen einer über Jahrzehnte hinweg betriebenen Geburtenpolitik.
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