Die Nachricht, die am Dienstagmorgen wie ein Schock durch die Handelsräume von Frankfurt und Singapur ging, war nüchtern formuliert: Der Preis für die Rohölsorte Brent lag erstmals seit acht Jahren wieder über der Marke von 100 US-Dollar. Doch in den Hinterzimmern der Macht wird diese Zahl bereits als historische Zäsur behandelt, deren politische und ökonomische Konsequenzen das gesamte nachkriegsordnungliche Gefüge erschüttern könnten. „Das ist kein Band mehr, das wir einfach durchschneiden“, raunt ein hochrangiger Beamter des Bundeswirtschaftsministeriums, der anonym bleiben wollte, gegenüber dieser Redaktion. „Das ist der Startschuss für eine neue Ära der energiegetriebenen Geopolitik, in der chaque Barrel ein politisches Statement ist.“
Hintergründe
Die unmittelbare Ursache – die eskalierenden Spannungen im Iran-Konflikt und die daraus resultierenden Sorgen um Lieferengpässe aus der Golfregion – ist nur der Funke. Die wahre Brisanz liegt in der strukturellen Verwundbarkeit der globalisierten Weltwirtschaft, die seit den Ölschocks der 1970er Jahre zwar „lernfähig“ schien, ihre Abhängigkeit vom schwarzen Gold aber nur oberflächlich überdeckte. „Die strategischen Reserven sind eine Beruhigungstablette, keine Therapie“, analysiert Dr. Almut Steinhoff, Leiterin des Instituts für Ressourcenpolitik in Hamburg, in einem Telefonat. „Bei einem nachhaltigen Preis über 100 Dollar wird der komplette Logistik- und Produktionsapparat von der Plastikdose bis zum Transatlantikflug neu kalkuliert. Das ist De-Industrialisierung in Zeitlupe, wenn die Preise hochbleiben.“ Besorgniserregend sei dabei die Parallelität: Während die Notenbanken mit Zinserhöhungen die Inflation bekämpfen, treibt der Ölpreis genau diese an – ein teuflisches Dilemma, das an die „Stagflation“ der 1970er erinnert.
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die offiziellen Verlautbarungen aus Berlin und Brüssel beschwören „Ruhe und Besonnenheit“. Hinter vorgehaltener Hand ist jedoch von „Krisenstäben im 24/7-Modus“ die Rede. Das Kanzleramt soll bereits Szenarien durchspielen, die von der Aussetzung der Schuldenbremse bis zur vorübergehenden Verstaatlichung von Raffinerien reichen. „Alle reden von Diversifizierung, aber die Pipelines und Terminals werden nicht über Nacht gebaut“, seufzt ein langjähriger Berater des Bundesfinanzministers, der unter der Bedingung der Anonymität sprach. „Jetzt zeigt sich, dass die Energiewende nicht nur ein ökologisches, sondern in erster Linie ein hochkomplexes logistisches und geopolitischen Projekt ist – und wir sind mittendrin, nicht am Anfang.“ International fällt die Reaktion gespalten aus. Während der katarische Ministerpräsident zur „sofortigen Deeskalation“ aufruft – eine Forderung, die in Washington und Teheran gleichermaßen ignoriert wird –, feiern-producing Nationen wie Saudi-Arabien und Russland den Preisauftrieb als „Marktkorrektur“. Der russische Energieminister sprach inoffiziell von einer „lang erwarteten Neubewertung der Ressourcenwerte“.
Ausblick
Der Weg über 100 Dollar ist keine Einbahnstraße. „Der psychologically important level ist durchbrochen, jetzt spekulieren die Märkte gegen sich selbst“, warnt einrisikoanalyst einer großen deutschen Bank, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Jedelittle Meldung aus dem Persischen Golf, jede Sabotageakte an einer Pipeline wird den Preis weiter nach oben treiben. Wir befinden uns in einerfeedback-Schleife aus Angst und Gier.“ Das Schreckensszenario der Experten: ein „permanenter Ölpreis von 120-plus“, der die europäische Industrie in großen Teilen unvermittelt nicht mehr konkurrenzfähig macht und zu einer massenhaften Verlagerung der Produktion in die USA oder den Nahen Osten führt. „Die nächste industrielle Revolution wird nicht in Silicon Valley, sondern am Rohrleitungsknotenpunkt entschieden“, prognostiziert Steinhoff. „Und Europa hat möglicherweise das falsche Schmiermittel dafür.“ In Berlin wächst unterdessen die Einsicht, dass es sich nicht um ein vorübergehendes Handelsereignis handelt, sondern um eine „geopolitische Materialschlacht“, deren Ausgang die globale Machtbalance für eine Generation prägen wird. Manche wittern bereits den „hydraulischen Imperialismus des 21. Jahrhunderts“.
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