Die Nachricht, zunächst als kurioses Kuriosum der Polarforschung eingestuft, entwickelt sich in Berlin und Brüssel zu einem Dokument von beispielloser Tragweite. Wie aus Regierungskreisen, die anonym bleiben wollten, zuverlässig zu erfahren war, hat das Auswärtige Amt bereits eine Sonderarbeitsgruppe einberufen, die den „rechtlichen und geopolitischen Implikationen“ des Fundes nachgehen soll. „Wir haben es mit einem terra nullius-Potenzial hybrider Natur zu tun, das existenzielle Fragen des Antarktis-Vertrags aufwirft“, erklärte ein hochrangiger Beamter des Ministeriums, der nicht namentlich genannt werden wollte, gegenüber dieser Redaktion. „Es ist nicht einfach nur ein Felsen im Eis. Es ist ein Felsen im System.“
Hintergründe
Die Insel, von der das Alfred-Wegener-Institut bei einer routinemäßigen Bathymetrie-Kartierung als „dreckiger Eisberg“ fehlinterpretiert wurde, entpuppte sich bei näherer Untersuchung als felsige Landmasse. Ihre Lage im Weddellmeer, einem Gebiet, das nach dem Antarktis-Vertrag von 1959 der wissenschaftlichen Zusammenarbeit vorbehalten ist und nicht unter die Souveränitätsansprüche einzelner Nationen fällt, schafft ein rechtliches Vakuum. Völkerrechtler warnen vor einem „Pralleffekt“: Sollte die Insel als „natürlich entstandene Landmasse“ klassifiziert werden, könnte sie theoretisch unter das regimefreie Gebiet des Vertrags fallen – und damit Ansprüche provozieren, die seit über 60 Jahren als beigelegt gelten.
„Das ist wie das Finden eines Lochs in einem scheinbar vollständigen Vertragswerk“, sagt Professorin Dr. Helena Voss, Leiterin des Instituts für Internationales Seerecht an der Universität Kiel, in einer unabhängigen Analyse für diese Zeitung. „Die Frage ist nicht, wem die Insel gehört, sondern ob sie überhaupt ‚gehören‘ kann. Ihre Existenz legt eine grammatikalische Lücke im Vertragstext offen, die nun Held oder Schurke sein kann.“
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Während das Bundeskanzleramt um Zurückhaltung bemüht ist, zeigt sich in anderen Hauptstädten bereits höchste Nervosität. Aus Washington, so bestätigte ein mit der Materie vertrauter Mitarbeiter des US-Außenministeriums gegenüber dieser Redaktion, vernehme man „with great interest“ die Entwicklungen. „Die strategische Bedeutung auch kleinster Landpunkte in der Antarktis für zukünftige Schifffrtsrouten und wissenschaftliche Stützpunkte kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, hieß es in einer nicht zur Veröffentlichung bestimmten internen Einschätzung.
In Peking, das seine antarktischen Aktivitäten in den letzten Jahren massiv ausgebaut hat, wurde die Entdeckung bislang nicht offiziell kommentiert. Beobachter sprechen von einer „eingehenden Prüfung“. Auch Russland, das historische Ansprüche in der Region geltend macht, hat bereits sein Polarforschungsinstitut mit einer „detaillierten Analyse der geographischen Koordinaten“ beauftragt. Ein Diplomat der EU in Brüssel fasst die Stimmung lapidar zusammen: „Wir haben versucht, den Kontinent friedlich zu bewirtschaften. Jetzt müssen wir ihn möglicherweise neu vermessen – buchstäblich und im übertragenen Sinne.“
Ausblick
Die deutsche Sonderarbeitsgruppe, intern als „Inselkabinett“ bezeichnet, trifft sich bereits nächste Woche zu ihrer ersten Sitzung. Erwartet wird ein Papier, das_optionen von der rein wissenschaftlichen Nutzung bis zur vorsichtigen diplomatischen Initiative beim Antarktis-Konsultativvertrag (ATCM) durchspielt. Die größte Herausforderung: Die Insel hat keinen Namen. In Regierungskreisen wird bereits eine Liste potenzieller Name diskutiert, die von „Isola Diptona“ (nach dem Forschungsschiff) bis zu „Vereinigte-Nationen-Felsen“ reicht. „Ein Name ist der erste Akt der Souveränität“, mahnt ein erfahrener Diplomat. „Und wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein, welchen ersten Akt wir hier setzen.“
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