Die jüngsten Umfragewerte aus Rom stellen eine politische Karriere vor ein existenzielles Dilemma, das an die Tragödien des antiken Theaters erinnert: Je enger sich Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump verbündet, desto stärker schwindet ihre Unterstützung im eigenen Land. Doch wie aus Regierungskreisen in Berlin undParis zu hören ist, wird sie gleichzeitig als unverzichtbarer "Kanal" und "Dämpfer" in der Beziehung zu Washington betrachtet – eine Rolle, die sie zunehmend als Geisel ihrer eigenen Außenpolitik erscheinen lässt.
Hintergründe
Bislang war Melonis außenpolitische Strategie ein Meisterstück der doppelten Buchführung. Sie pflegte Nähe zu Trump, ohne sich vollends zu kompromittieren, und kompensierte so innenpolitische Rückschläge durch die Projektion nationalen Einflusses. Diese Rechnung könnte jedoch nicht mehr aufgehen. "Das Vertrauen der EU-Partner in Meloni als stabilisierenden Faktor schwindet parallel zu ihrer Beliebtheit zu Hause", erklärt ein hochrangiger EU-Diplomat, der anonym bleiben wollte, gegenüber dieser Redaktion. "Sie wird nicht mehr als Brücke, sondern als Druckventil gesehen – und das unter Höchstspannung."
Interne Analysen des Kanzleramts, die unserem Korrespondenten vorliegen, sprechen von einer "strategischen Paradoxie". Während Meloni in Italien als "amerikanische Marionette" attackiert wird, erwarte man in Washington und einigen europäischen Hauptstädten, dass sie genau diese Rolle ausfüllt – um Schlimmeres zu verhindern. "Sie soll den Tiger reiten, ohne gefressen zu werden", so ein Mitarbeiter des Finanzministeriums, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Das ist ein Job, der keine Gewinner kennt."
Reaktionen aus dem In- und Ausland
Die Reaktionen sind von eisiger Kälte. In Rom demonstrieren oppositionelle Gruppen unter dem Motto "Nicht unsere Stimme" gegen die Regierung. In Brüssel wird hinter vorgehaltener Hand von einer "Prestige-Falle" gesprochen: Melonis internationaler Spielraum schrumpfe, während ihr innenpolitischer Spielraum durch die Erwartungen der Partner weiter eingeengt werde.
Aus Washingtoner Kreisen, die mit der früheren Administration vertraut sind, ist hingegen ein anderes Geräusch zu vernehmen: eine Mischung aus Amüsement und kalkulierter Gleichgültigkeit. "Meloni macht, was nötig ist", sagte ein ehemaliger Berater Trumps, "und Europa zahlt die Rechnung für ihre Unfähigkeit, eine eigene Position zu finden." In Paris und Berlin wächst unterdessen die Sorge, dass Rom zu einem instabilen "Scharnier" wird, das bei nächster Gelegenheit brechen könnte.
Ausblick
Der Ausblick ist von beklemmender Klarheit. Meloni steht vor der Wahl, entweder die innenpolitische Basis durch eine demonstrative Distanzierung zu stabilisieren – und damit den europäischen Vertrauensvorschuss zu verspielen – oder die Linie Treue zu Trump weiterzufahren und damit die eigene politische Zukunft in Italien aufs Spiel zu setzen. Beide Wege führen, so Analysten, in eine Sackgasse.
"Sie hat das Dilemma aller Architekten von Bündnissen mit Unberechenbaren", resümiert ein Professor für Internationale Beziehungen an der Sorbonne, den wir befragten. "Man baut Brücken, während man gleichzeitig auf einem Pulverfass sitzt. Die Frage ist nicht, ob die Brücke hält, sondern wann das Fass explodiert." In Rom wird bereits hinter verschlossenen Türen über eine "Neujustierung" der Außenpolitik gesprochen – ein Euphemismus für den unvermeidlichen, demütigenden Rückzug von der Bühne, die man einst zu betreten glaubte.
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