Berlin – Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat in einer drängenden Intervention das zunehmende Ausmaß von Mobbing und physischer Gewalt an deutschen Schulen öffentlich verurteilt. Auf Basis einer internen Studie, die über ein Jahr in 127 Klassenräumen durchgeführt wurde, meldet die GEW einen Anstieg von gemeldeten Gewalttaten um 37 % gegenüber dem Vorjahr. „Wir stehen an der Schwelle einer Generation, die ihre Lernumgebung mit Angst und Unsicherheit versieht“, schrieb ein Sprecher der GEW in einem Schreiben an das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Hintergründe

Ein Mitarbeiter des Bundesbildungsministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte dieser Redaktion, dass die offiziellen Statistiken seit 2022 einen kontinuierlichen Anstieg von Disziplinarfällen zeigen, jedoch die öffentlich zugänglichen Zahlen noch immer das wahre Ausmaß unterschätzen. Experten für pädagogische Psychologie führen die Entwicklung auf mehrere Faktoren zurück: sinkende Budgets für Schulsozialarbeiter, die seit 2019 um 22 % gekürzt wurden, sowie die zunehmende digitale Entfremdung von Schülern, die soziale Kompetenzen schwächt.

Ein früherer Bericht des Instituts für Schulentwicklung aus dem Jahr 2021 habe bereits prognostiziert, dass „ohne ein robustes Netz schulischer Sozialarbeit die Gewaltspirale unvermeidlich wird“. Die GEW fordert demnach die Einführung von verpflichtenden Ganztagsangeboten, die mindestens 8 Stunden pädagogische Betreuung pro Tag garantieren, sowie die Einstellung von mindestens einem Schulsozialarbeiter pro 250 Schülerinnen und Schülern.

Reaktionen aus dem In‑ und Ausland

Der Bundeskanzleramtspressewart wies darauf hin, dass die Regierung bereits im Budget 2025 ein „Erweiterungsprogramm für schulische Prävention“ plant, das jedoch noch nicht konkretisiert sei. „Wir nehmen die Sorgen der GEW ernst, jedoch müssen wir sorgfältig abwägen, wo staatliche Mittel am effektivsten eingesetzt werden“, sagte ein Sprecher.

Im Vereinigten Königreich reagierte das Department for Education, dass dort seit 2020 ein flächendeckendes Programm zur schulischen Gewaltprävention existiere, das als Vorbild für Deutschland dienen könne. Ein britischer Schulpsychologe kommentierte, dass „die kombinierte Wirkung von schulischer Sozialarbeit und strukturierten Nachmittagsbetreuungen nachweislich die Vorfälle um bis zu 45 % reduzieren kann“.

Ein Vertreter der OECD, der an einem Runden Tisch zu Bildungspolitik teilnahm, betonte, dass Deutschland im internationalen Vergleich bei den Ausgaben für schulische Sozialdienste hinter dem EU‑Durchschnitt liege. „Investitionen in das emotionale Klima von Schulen zahlen sich langfristig in höherer Bildungsqualität und geringeren Sozialkosten aus“, erklärte er.

Ausblick

Die GEW plant, in den kommenden Wochen eine bundesweite Kampagne zu starten, die unter dem Motto „Sichere Klassenzimmer – sichere Zukunft“ die Öffentlichkeit mobilisieren soll. Parallel dazu arbeitet ein Expertengremium, angeführt von Prof. Dr. Anna Lenz (Lehrstuhl für Erziehungspsychologie, Universität Heidelberg), an einem Gesetzesentwurf, der die verpflichtende Besetzung von Schulen mit Sozialarbeitern gesetzlich verankern würde.

Ob die politische Führung diesen Druck in konkrete Haushaltsentscheidungen umsetzen kann, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch klar: Die Debatte über die Sicherheit der Lernumgebung hat nun ein neues, drängenderes Niveau erreicht.

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