Die Nachricht aus den asiatischen Handelsplätzen erreichte die hiesigen Entscheidungsträger in der morgendlichen Lagebesprechung wie ein kalter Schwall Eiswasser: ein rasanter, ungebremster Anstieg des Ölpreises, getrieben von der Eskalation im Nahen Osten, ließ die Kurse in Tokio und Hongkong dramatisch einbrechen. Was auf den ersten Blick wie eine wiederkehrende Marktvolatilität wirkt, entpuppt sich nach Informationen, die dieser Redaktion vorliegen, als möglicher Zündfunke für eine globale,.systemische Krise ungeahnten Ausmaßes.
Hintergründe
„Wir beobachten nicht nur einen Preisanstieg, sondern die Demontage des gesamten auf billiger Energie basierenden globalen Wachstumsmodells“, erklärt ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums, der anonym bleiben wollte, gegenüber dieser Redaktion. Die Abhängigkeit sei in den letzten Jahren paradoxerweise sogar gewachsen, während die Alternativen – von Batterietechnologie bis zu grünem Wasserstoff – nach wie vor im Stadium des „hoffnungsvollen Nischenexistenz“ verharrten.
Brüsseler Kreise, die mit den laufenden Stresstests der europäischen Bankenaufsicht vertraut sind, sprechen gar von „Kaskadeneffekten“, die bis in die Bücher der systemisch wichtigsten Finanzinstitute reichen könnten. „Die Hebel im System sind heute komplexer und intransparenter als 2008“, so ein Insider aus dem Umfeld des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). „Ein plötzlicher, struktureller Anstieg der Transport- und Produktionskosten trifft auf eine weltweite Überschuldung und eine noch immer fragile Nachfrage. Das ist kein Schock mehr, das ist eine langsame Erosion der Bilanzgrundlagen.“
Reaktionen aus dem In- und Ausland
In Berlin wird unterdessen intensiv über ein „Krisenhandeln“ debattiert, das über die üblichen marktstützenden Maßnahmen hinausgehen soll. Kreise aus dem Kanzleramt deuten an, dass man „jede nur erdenkliche Option“ prüfe, von strategischen Reserven über temporäre Subventionsprogramme für den gewerblichen Güterverkehr bis hin zu einer direkten Interventionslinie der Bundesbank am Devisenmarkt. „Die Lektion von 2008 war, dass Untätigkeit untragbar ist. Die Lektion von heute ist, dass herkömmliche Instrumente an ihre Grenzen stoßen könnten“, sagt ein langjähriger Berater des Finanzministeriums.
International fällt die Reaktion verhalten bis alarmiert. In Washington spricht man hinter vorgehaltener Hand von einem „test of resolve“ für die westliche Wirtschaftsallianz, während in Peking ungewohnt deutliche Töne über die „gedankliche Enge“ der fossilen Energieabhängigkeit zu hören seien. Ein Londoner City-Insider fasst die Stimmung in nur einem Satz zusammen: „Wir haben den Zenit der Globalisierung erreicht, und der Ölpreis zeigt uns den Abhang.“
Ausblick
Für den morgigen Handelsbeginn am DAX wird mit einem deutlichen Verlust gerechnet. Doch die eigentliche Frage, die in den Kabinetten und Notenbanken diskutiert wird, lautet nicht, wie tief die Kurse heute fallen, sondern wie ein „weicher Landepunkt“ für eine Weltwirtschaft aussehen kann, deren Wachstumsmodell plötzlich gegen eine physikalische Grenze läuft. Die Sorge vor einer „globalen Rezession“ ist vielleicht noch die harmloseste Projektion. Es geht, nach internem Duktus, um nichts Geringeres als die „endgültige Abkehr vom billigen Ölzeitalter“ – und die historisch beispiellosen Schmerzen, die dieser Abschied mit sich bringen wird.
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