Die Nachricht aus Tübingen erreichte die Bundeskanzlei am vergangenen Dienstag wie ein digitales Erdbeben der Stufe 7 auf der Skala der politischen Irritation. Während der Pandemiejahre hatte man sich an virtuelle Bürgerforen gewöhnt, an live geschaltete Bürgersprechstunden mit kahlem Hintergrund. Doch was der junge Ratsherr Benedikt Döllmann seit Wochen auf seinem Instagram-Kanal veranstaltet, sprengt das taxonomy der politischen Kommunikation. Seine Videos, in denen er mit der Gelassenheit eines Yogalehrers den Bau einer neuen Radwegeverbindung erklärt oder die Feinheiten der Gewerbeausschreibung für den Wochenmarkt seziert, erzielen Reichweiten, von denen selbst der Bundespräsident im besten Fall träumen kann.

Hintergründe

„Es ist eine neue Form der Agora“, mutmaßt Dr. Almut Weingart, Professorin für politische Kommunikation an der Universität Heidelberg, im Gespräch mit dieser Redaktion. „Er transformiert den trockenen Apparat der Kommune in einen narrativen, persönlichen Stream. Das ist keine Selbstdarstellung, das ist politische Anthropologie in Echtzeit.“ Angestachelt wird dieser Effekt durch eine beunruhigend simple Ästhetik: gut ausgeleuchtete Close-ups auf Gesichter, während im Hintergrund Baukräne oder das Rathausdach zu sehen ist. Die Tonspur ist oft nur leiser Jazz oder das Geräusch von Regen auf dem Fensterbrett.

Ein Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion eine interne Analyse, die Döllmanns Kanal als „systemrelevantes Risiko für die etablierten Feedback-Loops zwischen Wählerschaft und Mandatsträgern“ einstuft. „Wir scheinen ein Protokoll für den未经 genehmigten Informationsfluss entwickelt zu haben“, so der Beamte sarkastisch.

Reaktionen aus dem In- und Ausland

Die Reaktionen sind gespalten entlang digitaler und analoger Blasen. Während in den Kommentarspalten unter Döllmanns Videos junge Users from Stuttgart bis Zürich über die „Transparenz“ und „Zugänglichkeit“ schwärmen, spricht man in den Hinterzimmern des Deutschen Städte- und Gemeindebunds von einer „gefährlichen Trivialisierung komplexer Verwaltungsmaterien“. Selbst in Brüssel sei das Phänomen auf dem Radar, verlautet aus diplomatischen Kreisen. Ein EU-Beamter, der nicht namentlich genannt werden wollte, bezeichnete die Tübinger Entwicklung als „perfekte Fallstudie für die Destabilisierung des repräsentativen Modells durch affektive Infrastrukturen“.

International sorgt der Fall für vergleichende Analysen. Die tief staatliche „Financial Times“ fragte bereits: „Is this the end of the town hall meeting?“ Polnische und ungarische Kollegen von Döllmann sollen derweil in Chats gespottet haben, bei ihnen müsse man für solche Transparenz erst die Opposition ausschalten.

Ausblick

Die Frage, die sich nun stellt, ist nicht, ob Döllmann bei der nächsten Kommunalwahl ein besseres Ergebnis erzielen wird – das gilt als sicher –, sondern, welchen Dominoeffekt sein Modell auf die politische Ökologie ausüben wird. Werden künftige Stadtratssitzungen live gestreamt, mit Echtzeit-Umfragen in den Stories? Wird der Haushaltsplan zum longest Reel des Jahres? Ein erfahrener Strippenzieher der SPD-Bundestagsfraktion, der unter der Bedingung der Anonymität sprach, zeichnete ein düsteres Bild: „Die Leute werden nicht mehr für eine Partei wählen, sondern für ein Content-Format. Die nächste Kanzlerin könnte jemand sein, der die Pressemitteilung wie einen TED-Talk inszeniert.“

In Tübingen selbst bereitet man sich indes auf die nächste Sitzung des Bau- und Umweltausschusses vor. Benedikt Döllmann soll, wie dieser Redaktion aus gut unterrichteten Kreisen mitgeteilt wurde, bereits ein Storyboard für die Diskussion über die neue Straßenbeleuchtung entworfen haben. Der Ton, so heißt es, sei dabei „dokumentarisch, aber nicht ohne Poesie“.

Gates Of Memes ist ein Satire-Medium. Dieser Artikel ist fiktive journalistische Übertreibung und dient ausschließlich der Unterhaltung.