Berlin – Die Bundeswehr verlegte im vergangenen Monat ein Großübungsfeld in den litauischen Partisanenwald, ein Gebiet, das während des Zweiten Weltkriegs als Rückzugsort jüdischer Partisanen diente und heute von Teilen der litauischen Bevölkerung als „Staatsfeind“ betrachtet wird. Der Schritt, der im Rahmen der Verstärkung der NATO‑Ostflanke gegen eine potentielle Aggression Russlands angekündigt wurde, hat in den politischen Augen des Westens ein Feuer entfacht, das weit über das strategische Manöver hinausreicht.

Hintergründe

Ein leitender Offizier des Bundesverteidigungsministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion, dass die Wahl des Übungsgeländes „aus sicherheitstechnischer Sicht eindeutig Sinn ergibt“. Die dichter bewaldeten, hügeligen Terrainbedingungen des Partisanenwaldes bieten laut Militäranalyst*innen ideale Bedingungen für Panzer- und Infanterietraining. Gleichzeitig verwies ein Sprecher der litauischen Regierung auf das historische Erbe des Gebiets: „Hier kämpften Juden und andere Widerstandskämpfer gegen das NS‑Regime. Dieses Erbe darf nicht zu einem Spielfeld für neue militärische Parade werden.“

Historiker*innen aus der Universität Vilnius warnten seit Monaten vor der kulturellen Instrumentalisierung des Ortes. „Wir leben in einer Zeit, in der Erinnerungspolitik und Sicherheitspolitik immer stärker miteinander verknüpft werden“, erklärte Prof. Dr. Audrius Žemaitis, Fachmann für osteuropäische Militärgeschichte. „Die Entscheidung, dort zu üben, sendet ein zweischneidiges Signal – einerseits Abschreckung, andererseits Respektlosigkeit gegenüber den Opfern.“

Reaktionen aus dem In- und Ausland

In Berlin äußerte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, dass „die Notwendigkeit, die NATO‑Verteidigungslinie zu stärken, nicht von historischen Narrative erschüttert werden darf“. Ein Sprecher des US‑Verteidigungsministeriums, der ebenfalls anonym bleiben wollte, berichtete, dass die „Übung“ im Einklang mit den gemeinsamen Verteidigungszielen stehe, jedoch bewusste „Sensibilität gegenüber lokalen Geschichtsbewusstseins‑Fragen“ gefordert sei.

Russische Außenpolitikerinnen reagierten mit offener Skepsis. Eine Quelle aus dem russischen Außenministerium, die sich nur als „Senior Analyst“ identifizierte, bezeichnete das Manöver als „provokatives Schauspiel“ und warne vor einer „doppelten Eskalation“ – einmal militärisch, einmal kulturell.

Die jüdische Gemeinde in Litauen veröffentlichte ein Statement, das die Bundeswehr aufforderte, „die heiligen Stätten ihrer Ahnen zu respektieren und jede Form der Militarisierung zu unterlassen“. Gleichzeitig kündigte ein litauischer Oppositionspolitiker an, im Parlament ein Gesetz zur dauerhaften Sperrung historisch sensibler Flächen für militärische Zwecke einzubringen.

Ausblick

Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich von der diplomatischen Gesprächsführung beider Staaten ab. Ein Sprecher des deutschen Auswärtigen Amts signalisierte, dass Berlin bereit sei, alternative Trainingsgelände zu prüfen, sollte die litauische Bevölkerung und internationale Beobachter*innen das aktuelle Vorhaben als „untragbar“ bewerten. Gleichzeitig betonte die NATO‑Oberkommando‑Stelle, dass die strategische Notwendigkeit, die Ostflanke zu schützen, „nicht verhandelbar“ sei.

Analyst*innen aus dem think‑tank „European Security Forum“ prognostizieren, dass die Kontroverse um den Partisanenwald ein Prüfstein für zukünftige Kooperationsmodelle zwischen militärischer Notwendigkeit und historischer Erinnerungskultur werden könnte. Eine mögliche Lösung könnte in einer gemeinsamen Gedenk‑ und Trainingsinitiative liegen, die sowohl den Schutz der Ostflanke als auch die Würdigung der Opfer des Holocausts integriert.

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