In einem seltenen Akt historischer Selbstkritik hat das belgische Parlament am vergangenen Freitag ein Gesetz verabschiedet, das finanzielle Entschädigungen an die Nachfahren von Opfern kolonialer Gewalt im heutigen Kongo vorsieht. Der Gesetzentwurf, der nach monatelangen Diskussionen in den Ministerien für Finanzen und Auswärtige Angelegenheiten formuliert wurde, markiert den ersten öffentlichen Schuldeingeständnis Brüssels seit den grausamen Kindesentführungen der 1950er‑Jahre.

Hintergründe

Zwischen 1945 und 1958 organisierten belgische Kolonialbehörden systematisch die Entführung von Kindern aus den Dörfern des heutigen Kongo, um sie in Pflegefamilien in Europa zu integrieren. Historische Dokumente, die erst kürzlich von einem Team des Königlichen Museums für Geschichte freigegeben wurden, belegen, dass über 12 000 Kinder diesem Schicksal ausgeliefert wurden. Ein ehemaliger Beauftragter des Finanzministeriums, der anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber dieser Redaktion, dass „die finanziellen Rückstellungen bereits seit 2019 in geheimen Haushaltspositionen geführt wurden, jedoch nie publik gemacht wurden“.

Reaktionen aus dem In‑ und Ausland

Die Ankündigung löste ein breites Echo aus. In Brüssel lobte Premierministerin Sophie Wilmès die Entscheidung als „ein Schritt zur moralischen Rehabilitation unseres Landes“. Der Oppositionelle Jean‑Luc Mélenchon hingegen kritisierte die „zu späte und zu zaghafte Geste“, die seiner Meinung nach nicht die strukturellen Folgen des Kolonialismus adressiere. In Kongo‑Kinshasa äußerte Präsident Félix Tshisekedi dankbare, jedoch vorsichtige Worte und forderte gleichzeitig die Einrichtung eines bilateralen Fonds für Bildungs- und Gesundheitsprojekte. In Washington bemerkte ein Sprecher des US‑State‑Departments, dass „dieses Beispiel das wachsende Bewusstsein für koloniale Verantwortung in Europa widerspiegelt“.

Ausblick

Das Parlament hat einen Finanzierungspool von 250 Millionen Euro für die nächsten zehn Jahre bewilligt, wobei ein Teil der Mittel an NGOs im Kongo weitergeleitet werden soll. Experten des Internationalen Instituts für Versöhnungsforschung warnen jedoch davor, dass reine Geldzahlungen „ohne begleitende Aufarbeitung und strukturelle Reformen“ kaum nachhaltige Wirkung entfalten werden. Ein leitender Historiker der Universität Leuven, Dr. Marie‑Claude Van Damme, prognostiziert, dass der aktuelle Schritt den Beginn einer „epochemachenden Dekolonisationsbewegung“ in ganz Europa einleiten könnte.

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